Kirche St. Anna

Die Kirche St.Anna zu Dieskau in ihrer heutigen barocken Gestalt stammt aus den Jahren 1725 bis 1728. Sie steht auf der Nordseite des Schlosshofes und bildet gleichsam den erhobenen Nordflügel des Dieskauer Schlosses, von dem sie durch eine wahrscheinlich früher nicht vorhandene Friedhofsmauer getrennt ist. Der langgestreckte Innenraum wird durch ein verputztes Holztonnengewölbe abgeschlossen und von großen segmentbogigen Fenstern erhellt. Die Kirche hat einen querrechteckigen Westturm, der oben achteckig zuläuft und rundbogige Schallöffnungen aufweist.

Zerstörungen

Ursprünglich stand hier eine aus dem 13. Jahrhundert stammende romanische Kirche mit einem durchgehend viereckigen Turm mit Satteldach, die sich erst um 1550 zu Hans von Dieskaus Zeiten allmählich dem „lutherischen Glauben“ öffnete. Die Umgestaltung vom Katholischen zum Evangelischen dauerte allerdings noch lange Zeit, da die Dieskaus an ihrem alten Glauben festhielten. Hundert Jahre später war diese Kirche dann bis auf die Mauern völlig zerstört: 1632, in der Lützner Schlacht, wurden Leuchten, Kelche und Messgewänder geraubt, 1634 verbrannte der Kirchturm; 1636 zerstörten kaiserliche Truppen unter dem Kroaten Don Balthasar das Innere der Kirche und das Dach völlig und vernichteten alle Kirchenbücher. Lediglich die Nord- und Südmauer der Kirche blieben stehen. Der 30jährige Krieg hinterließ in jeder Beziehung seine Spuren, denn 1651 fanden hier nur 9 Taufen statt. Unter anderem wurde in diesem Jahr auch die Mutter von Georg Friedrich Händel, Dorothea Taust, als Pfarrerstochter hier in Dieskau geboren und getauft. Die Dieskauer Kirche verfügte über 3 Glocken, von denen die kleine Glocke aus der Zeit der Reformation stammte, 1473 wurde die mittlere und 1649 die große Glocke gegossen. Von einem weiteren Turmbrand wird 1706 berichtet. Erst 1725, also 90 Jahre nach ihrer schweren Zerstörung, wird unter einer Überdachung damit begonnen, die Kirche – nun im Barockstil – zu erneuern.

Barocker Neubau

Der Turm behielt sein altes unteres viereckiges Teil, im oberen Teil wurde er achteckig angelegt und von einer Schweifhaube abgeschlossen. Die unterirdische Gruft unter dem Altar – nach keinem Raum wird so häufig gefragt – wurde für die Beisetzung der (insgesamt 17) Schloss-Eigentümer ausgebaut. Pfarrer Hübner ließ 1728 die Kirche renovieren und in ihrer inneren Einrichtung ausgestalten. Ein Doppelempore wurde angelegt, Landrat Carl von Dieskau schenkte der Kirche einen Kanzelaltar nebst einem Gestell für ein Taufbecken, alles von feinster Bildschnitzarbeit. Auch das Lesepult stammt aus dieser Zeit unmittelbar nach Vollendung des Kirchenbaus. An der Nordwand am Altar wurde um 1730 ein etwa 5 Meter hohes Epitaph zu Ehren des Landrates Carl von Dieskau und seiner Frau Johanna eingelassen. Es besteht aus einer Inschrifttafel, eingefasst von einem Rahmen mit den Wappen der Vorfahren der Verstorbenen (sog. Ahnenprobe) sowie Allegorien und Putti. 1750 wurde in der Kirche die erste Orgel, eine Contius-Orgel, eingeweiht.

Rechts vom Altar findet man einen kleinen Tempel (Hoffmannsche Grabkapelle) mit der Skulptur einer Mutter mit zwei weinenden Knaben, den Kanzler Carl Christoph von Hoffmann zum Tode seiner ersten Frau Johanna Theresia Augusta 1770 errichten ließ. In dem kleinen Raum, dessen Wirkung durch die Tambourkuppel und illusionistische Architekturmalerei erhöht wird, hat das wahrscheinlich von dem Leipziger Bildhauer Friedrich Samuel Schlegel geschaffene schöne frühklassizistische Marmorgrabmal seinen Platz. Der Gesamtentwurf stammt vermutlich von dem bekannten Maler und Radierer Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Leipziger Kunstakademie. Zum Kirchenraum hin öffnet sich die Hoffmannsche Grabkapelle in einem großen, von zwei toskanischen Säulenpaaren getragenen Rundbogen. Unmittelbar zuvor wurde die nur von außen zugängliche Patronatsloge ausgebaut.

Vergoldungen

Nachdem die Kirche 1866 erneut restauriert wurde, ließ Otto von Bülow nachträglich Altar und Kanzel vergolden. Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts wurden noch die Orgel abgetragen, erneuert und vergoldet, die große Glocke repariert und ein Brunnen angelegt. Clara von Bülow machte der Kirche wertvolle Geschenke, u.a. ein Wandbild (Maria mit dem Jesusknaben) und eine Weinkanne. 1906 stiftete sie der Kirche eine neue Glocke, da die alte zersprungen war. Während des 1. Weltkrieges wurde die mittlere Glocke geopfert und eingeschmolzen, Silvester 1921/22 sprang die große Glocke. Im Herbst 1922 bekam die Kirche 2 neue Glocken, eine dritte sollte gegossen und 1923 aufgehängt werden.

Veränderungen

Zu Ostern 1931, am 4. April, kam es zu einem Schornsteinbrand, der die Glocken, die gesamte Turmhaube, Teile der 2. Empore und die wertvolle mechanische Contius-Orgel zerstörte. Bis zur Beseitigung der Brandschäden stellte Familie von Bülow den großen Gartensaal für Gottesdienste zur Verfügung. Doch bereits im November des Jahres war die Schweifhaube des Turmes durch eine einheimische Firma aufs Beste wieder hergestellt. Nur die zweite Empore musste den zur Stabilisierung des Tonnengewölbes eingezogenen Querrohren weichen. Nach dem Brand wurde eine Glocke – die einzige heute existierende – angeschafft. Ebenfalls 1931 wurde die neue Orgel (mit Walcker-Organola) fertiggestellt und hinter den noch gut erhaltenen alten Prospekt eingebaut. Die Orgel gilt als einzigartig in Ostdeutschland, denn sie kann nicht nur wie üblich, durch Tastenspiel und mit Hilfe der Pedale zum Klingen gebracht werden. Sie spielt auch selbständig: die Stücke sind als Lochmuster in eine Papierrolle eingestanzt.

Bewahrung und Sanierung

Die Geschichte der Kirche in den letzten Jahrzehnten ist geprägt vom beharrlichen Bemühen, den drohenden Verfall zu verhindern. Mit bescheidensten Mitteln gelang es dabei immer wieder, zumindest das Schlimmste zu verhindern. 1994 konnte das Schiffdach neu gedeckt werden; in diesem Jahr wurde auch die Organola der Walcker-Orgel wiederentdeckt. 1995 wurde die Schwammsanierung im Turm abgeschlossen und 1998 die Turmhaube teilweise neu verschiefert. Im Rahmen der Bemühungen um Wiederherstellung des historischen Ensembles aus Schloss, Park und Kirche wurde um die Jahrtausendwende endlich mit der umfassenden Renovierung von St. Anna begonnen. Im Rahmen der umfangreichen ABM „Kirche Dieskau und Umfeld vor dem Schloss“ konnte die Sanierung mit einem Aufwand von 2.2 Mio DM (10% Eigenmittel durch Kommune und Einnahmen durch Kirchenkonzerte) realisiert werden. Im Zuge der Restaurierung wurde u.a. an der Nordseite ein romanisches Rundbogenfenster freigelegt. 2002/03 folgte die vollständige Renovierung der Walcker-Orgel. 25.000 Euro kostete die von der Halberstädter Orgelbaufirma Hüfken durchgeführte Reparatur des Instruments mit mehr als 1.000 Pfeifen. Ein beträchtlicher Teil davon wurde durch Spenden aufgebracht. Seit 1988 hat die Kirche St. Anna durch die Einrichtung der Konzertreihe „Dieskauer Sommer“ eine neue Bedeutung als Ort der Begegnung mit international hervorragenden Künstlern bekommen, die alljährlich viele Menschen aus nah fern in die Kirche locken und anschließend gemeinsamem feiern. Seit 2001 finden jedes Jahr 16 Konzerte sonntags 16 Uhr statt.