Restaurierung 2000/2001

Rede von Günther Baumgarten zur Renovierung der Kirche St. Anna in Dieskau am 16. März 2001

Günther Baumgarten, Januar 2010 (Foto Holger Schneider)
Günther Baumgarten im Januar 2010

DIE MAUER IST ZU, DIE KIRCHE IST OFFEN,
DER KUNSTFÜHRER DIESKAU IST EINGETROFFEN!

Sehr verehrte Damen und Herren, als die Maßnahme „Kirche Dieskau und Umfeld“ am 30. März 2000 mit HTA Schkopau vertraglich vereinbart wurde, da hofften die Kirchengemeinde und Kommune Dieskau bangen Herzens, dass bei einer solchen ABM-Maßnahme die Kirche Dieskau nicht umfällt, auch wenn die Maßnahme so klingt: Kirche Dieskau + Umfällt. Wir wissen heute: Es ist ein Wunder geschehen. Und wenn sich nicht dochmal ein Erdbeben hierher verirrt, dann steht diese Kirche ST. ANNA im hohen Norden des Schlosses heute sicherer und gefestigter als je zuvor:

• Vom Osten her klar geschützt durch ein durchsichtiges und feinsinnig renoviertes und nun sogar verschließbares Tor aus Eisen
• Vom Norden her uneinnehmbar durch diesen Birkenreisigbesenschlagputz in feinster Barockmanier, so dass man von dortaus niemals einsteigen könnte, selbst durch ein romanisches Fenster nicht, das vor Einbrechern zugeputzt wurde. Und um dieses unsichtbare Fenster herum ist die Mauer genauso gegen alle Feinde ausgebeult wie vorher und ist doch fest und sicher wie nie zuvor!
• Vom Westen her ist die Kirche sowieso geschützt durch diesen breitgeputzten Turm, der in den Himmel weist wie auf dem Bild, und durch die winzigen Eiben davor, dien noch 100 Jahre wachsen können wie bei Dornröschen neben dem von STAKO-Bätz hervorragend restaurierten wie gesponsorten Patronats-Türchen. Ja und vom Süden?
• Vom Süden her ist endgültig alles gesichert: Der ganze Jahrhundert-alte Streit zwischen Schloss und Kirche ist nun zum ersten mal mit einer wirklich fest gegründeten Mauer undurchdringlich zementiert! Wir haben Walter Ulbrichts Worte wahrgemacht! Als er im Juni 1961 sagte: „Wir werden nie eine Mauer zwischen Ost und West errichten!“, hat er gelogen und sie doch errichtet. Wir dagegen haben keine Mauer zwischen Ost und West, wir haben die Mauer zwischen Nord und Süd errichtet! Und nie, und ich weiß, dass man niemals nie sagen soll, und nie wird es einen „direkten“ Zugang zwischen Schloss und Kirche geben! (Es sei denn, die vom Schloss zur Kirche wollen, zahlen wie damals 25,–DM Eintrittsgebühr. Da könnten wir bei dem Besucherstrom gleich die Kirchensteuer abschaffen.)

Schlossherr Thymo von Rauchhaupt mit Günther Baumgarten, 2002 (Foto Holger Schneider)
Thymo v. Rauchhaupt & G. Baumgarten

Nun ja, die Kirche ist also fertig, und wir sind überglücklich und dankbar, und wir wollen das mit einem winzigen Fest im Schloss feiern, in Dankbarkeit gegenüber allen, die in nahezu unendlicher Kleinarbeit das nötige Geld besorgt und in ABM-Manier, also „Alle Bauen Mit“, das große Werk vollendet haben; mögen Gott und das Arbeitsamt uns auch bis ans Ende aller Zahlungen gnädig sein. Wir, also ich und die Kirchengemeinde Dieskau, vertreten durch den Gemeindekirchenrat, sagen jetzt allen Dank in der Reihenfolge des kalendarischen Beginns ihrer Mitwirkung.

1. Thymo von Rauchhaupt und Familie für die Idee, eine solche Maßnahme dem Gemeindekirchenrat zu empfehlen.
2. Herrn Schimpf und der ganzen Management und Servicegesellschaft mbH für alle Verhandlungen und Überredungskünste in jede Richtung.
3. Dem Architekturbüro Lorenz für die gesamte Vorplanungs und Begleitungsphase, gemeinsam mit Statik-Hesse und Kaiser. Und niemand von Ihnen wusste ja vorher, ob er jemals einen Pfennig dafür zu sehen kriegt!
4. Herrn Bürgermeister Hambacher und dem Gemeinderat Dieskau für den am 19.9.99 einstimmig gefassten und glücklicherweise wiederholten Beschluss, die Kirche mit dem Geld fürs Schloss zu unterstützen. Desselbigen gleichen Dank an Frau Gude, die alles hier vom Kabelsketal aus mit Engagement begleitet hat.
5. Dank an das Arbeitsamt und denen, die dort für uns gearbeitet haben.Was wären wir ohne Sie gewesen.
6. Dank an Frau Gaudig von MSG und an Frau Rüber im Kirchlichen Verwaltungsamt, die alles so sorgfältig gebucht und weitergeleitet haben.
Dank allen, die ich nicht erwähnte.

Die eingerüstete Kirche im September 2000
September 2000

Und wie, so fragte ich mich, wie kann man dieses Fest so beginnen, dass auch all die tollen Restaurierungsarbeiten einer solchen ABM-Maßnahme gebührend Erwähnung finden? Das geht so: Neben den schönen Eisentoren, die ich schon nannte, erzähle ich gern von den Türen und Fenstern aus Holz, wie aus völlig vergammeltem Holz wieder altes gutes Holz gezaubert wurde, wie runde Fenster gerade und gerade wieder runde wurden, wie aus Nichts und Müll stabile Türen in den Himmel führen, wie es bei Jesaja, dem Propheten, steht und bei Händel besungen wird: „Alle Täler werden erhöht und alle Berge werden ebene Bahn und was rund ist wird gerade“ – und umgekehrt! (Aber das steht nicht da.) Oder ich erzähle gern, wie aus 13 kaputten Fensterglasscheiben über tausend alte Rundglasscheiben in Blei gefasst und mit Zinn verzuckert wurden. Ja, wie selbst das Gesicht der Maria im Osterfenster schöner erstrahlt noch als 1947, so dass es im Hohen Lied Salomonis beschrieben wird: „Wo ist denn dein Freund hingegangen, o du Schönste unter den Frauen? Wende deine Augen von mir und rühre mich nicht an, dass ich nicht erröte vor Verwirrung!“ Schauen Sie sich das Osterfenster mal ganz genau an, und Sie werden sich alle irgendwie darin wiederentdecken, die Frau Ebert von HTA und all die andern Frauen hier.

Ich erzähle auch gern davon, wie mit soviel Energie diese alte Halle zu neuem Glanz gekommen ist, wie geschrieben steht: Und Gott sprach: Die Finsternis werde Licht, und er sprach mit zwei ABM-Leuten, und es wurde Licht , innen und außen! Und ich erzähle gern von Ihnen, der Sie sich dieses alten, schwarzen, schwächlichen Gerippes angenommen und diesen Kronleuchter zu einer Krone unter den Leuchtern wiederbelebt haben: Ein Hallenser, alles aus Freundschaft zu dieser Kirche und zur Musik. Heißen Dank Herr Dr. Lau! Ich nenne gern den Restaurator Peter Schöne, der schon vor allen andern hier Hand angelegt hat, um das restauratorische Konzept zu entwickeln, als wir noch gar nicht ahnten, ob wir jemals eine Chance bekommen zur Verwirklichung. Nur durch diese Vorarbeit bis zum 6.8.99 war es möglich geworden, für die Gesamtmaßnahme ein Okay aus Magdeburg (Konsistorium) zur rechten Zeit zu kriegen. Herr Schöne hat die ganze Maßnahme denkmalpflegerisch und restauratorisch begleitet und so hat auch dieser Altar ein so zartes Angesicht bekommen. (Ich hatte früher immer Angst, dass dieses allmächtige Bauwerk auf mich herabfällt.) Und damit komme ich auf jenen Punkt, der mich bei der ganzen Maßnahme auch so sehr erfreut hat:

Es war im Juli letzten Jahres an einem Dienstag, nein am Mittwoch dem. 19. Juli um 14:21 Uhr, da einigten sich Frau Architekt Lorenz und Herr Schöne auf die Farbpalette für Fenster, Tür und Tor und alles, was in dieser Kirche Farbe kriegt, und heute kann man sagen, der Schöne und die Lorenz haben es geschafft. Die dunklen Zeiten der Kirche sind nun endlich vorbei. Hell und warm erstrahlt das Gotteshaus da draußen und hier drinnen. Das Haus heißt darum jetzt für uns „der Schöne Lorenz“, oder, weil die Kirche immer weiblich ist: „die SCHÖNE LORENZ“. Nadja - alles klar?

Spieltisch der Orgel im September 2000
September 2000

Noch ein Wort zum Schluss zu dieser nun so schön gewordenen Kirche und Umfeld, die nicht mehr umfällt. Die Kirche St. Anna ist eine Kirche im Saalkreis, also wie beim Auto eine SK-KIRCHE, eine „Sehr Königliche“ Kirche, „Seit Karl“ von Dieskau sie neu erbauen ließ. Und wenn Sie nun den Saalkreis genauso wertvoll finden wie ich und die Buchstaben S und K in die Kirche einfügen (hinter R das S, wie im Alfabet, und hinter H das K), dann kommt ein Name zustande, den ich in den letzten mehr als 10 Monaten liebgewonnen habe Tag für Tag. Und ich bin HTA Schkopau mit Frau Ebert und Herrn Liebe, Dr.Ködel und Herrn Kolberg von Herzen dankbar, dass Sie neben all Ihrem Großeinsatz für die gesamte Maßnahme vom 30. März bis zum 1. April, also von über Nacht bis ewig und zehn Monate, dass Sie diesen Namen KIRSCHKE ausgewählt haben zum Bauleiter für Dieskau. Er hat mit seinem sonnigen Gemüt so viel an Fähigkeiten aus den ABM-Leuten rausgeholt. Er ist wie alle hier ein guter Freund der Maßnahme geworden. Er war so oft hier. Aber weil er auch für mich ein so guter Freund geworden ist, hätte ich ihn gern noch viel öfter hiergehabt, den Bauleiter Kirschke und Christine seine Frau.

Günther Baumgarten, Januar 2002 (Foto Holger Schneider)
Günther Baumgarten im Januar 2002

Ihnen allen, liebe Freunde und hochgeschätzte Helfer und Helferinnen, im Namen der Kirche Dieskau Herzlichen Dank. Es ist Unglaubliches geschehen, gerade für eine ABM-Maßnahme Unglaubliches, und das müssen wir allen Zweiflern weitersagen. Und da dies für mich als „Bauherr“ nach 33 Jahren Pfarramt die größte und weitaus beste Baumaßnahme war, da dachte ich, so ein Fest kannst du nicht alleine feiern. Das ist dein letztes Ding nach 10 Jahren Rente. Jetzt ist endgültig Schluss. Das mußt du mit allen feiern, die seit 33 Jahren mit Rat und Tat geholfen haben bei diesem schweren Job, an Kirchen was zu bauen, gerade auch in DDR-Zeiten mit keinem Geld und gar keinem Material. Und wenn Sie, die Fachleute aus alter Zeit, doch hier was entdecken, was Sie besser machen würden, oder was Ihnen nicht gefällt, dann lassen Sie sich trösten wie wir alle mit dem Wort des großen Propheten Samuel: „Der Mensch sieht immer nur auf Äußerlichkeiten, Gott aber sieht aufs Herz!“

Ehre sei Dir Gott gesungen, und dann schnell ins Schloss gedrungen
zu dem So Königlichen Mahl!

Herzlichen Dank!!
Ihr Pfarrer i.R. Günther Baumgarten